Spiel, Spaß, Freude, Glück: 3 Mythen übers Elternsein

Eltern sind ständig super glücklich; wollen viel Zeit mit ihrem Kind verbringen und das Kind ist die Erfüllung schlechthin, oder?  Wer nicht so fühlt und handelt, ist eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater, oder?

Bei solchen Erwartungen an die Eltern ist das schlechte Gewissen – vor allem bei Müttern – nicht weit weg. Zum Glück wurde in den letzten Jahren viel darüber berichtet und debattiert, dass Eltern ambivalente Gefühle haben und haben dürfen. Das auffälligste Beispiel ist das Buch #regretting motherhood.

Die folgenden drei Mythen sollen dem schlechten Gewissen und dem Druck, der Eltern gemacht wird, den letzten Wind aus den Segeln nehmen. Denn wenn YouTube Videos, Ganztags-Kitas, lange Reisen, Vollzeitjobs der Eltern und Fremdbetreuung so schädlich wären, dann müsste unser Sohn mittlerweile die ganze Bandbreite an Verhaltensauffälligkeiten zeigen. Das Gegenteil ist allerdings der Fall: wir haben ein entspanntes, zufriedenes, witziges und kluges Kind.

1. Es macht super viel Spaß mit seinem Kind zu spielen

Als ich noch schwanger war, wurde mir ständig erzählt, wie stressig es mit einem Baby sein wird. Mir hat niemand gesagt – und das war der größte Schock – wie langweilig es sein wird. Am Anfang schläft ein Baby zwanzig Stunden am Tag; also stressig war das nicht.

Klar, man kann rausgehen, um einen Spaziergang zu machen oder auf den Spielplatz zu gehen. Aber wen trifft man nachmittags auf der Straße? Richtig, andere Mütter, die über nichts anderes reden als Babys. Spreepark BerlinNicht gerade spannend.

Wenn das Kind acht Monate alt ist, lässt man sich von ihm Bauklötze bringen und unterhält sich über dadada und mamama. Vorher habe ich Kant und Nietzsche gelesen und über moralische Dilemma philosophiert und jetzt soll ich mich über einen Bauklotz freuen? Ich war in meinem persönlichen Dilemma gefangen: Mein Kind – meine Freude und mein Glück –  langweilt mich zu Tode. Das schlechte Gewissen kam prompt, als ich ihn YouTube Videos habe gucken lassen, um mal etwas anderes – außer Kinderbücher – zu lesen.

Die beste Lösung gegen Langeweile ist, wenn man sich mit seinem Partner alles 50/50 aufteilt. Dann langweilt man sich zumindest nur 50% der Zeit.
Mir hätte es damals schon gereicht, wenn mir jemand gesagt hätte, dass es normal ist, dass man sich langweilt. Es ist doch logisch, dass eine erwachsene Person nicht mit Freude und Spaß zehn Stunden am Tag Babyspiele machen will. Ein schlechtes Gewissen braucht man deswegen jedenfalls nicht haben!

2. Kinder sind traurig, wenn sie den ganzen Tag in die Kita müssen

Als unser Sohn in die Kita kam, wurde die Langeweile weniger und das schlechte Gewissen mehr. Wahrscheinlich rührt es daher, dass ich in Westdeutschland aufgewachsen bin und erst mit drei Jahren in den Kindergarten ging. Es war – und ist immer noch –  ziemlich normal, dass eine Mutter Hausfrau ist und nur halbtags arbeitet. In der großartigen Serie Ku`damm 56 kann man sich diese Mentalität mal angucken.

Weil wir unseren Sohn ganztags in die Kita geben, sieht meine Familie ihn schon als hochtraumatisiert an. Andere Bekannte sind subtiler und sagen mit bemitleidender Überheblichkeit: „Also meine Kinder gehen nur bis 13 Uhr in die Kita, das ist mir sonst zu lange“ und der Klassiker aus Film und Fernsehen: „Warum hast du überhaupt ein Kind bekommen, wenn du ihn dann den ganzen Tag in die Kita steckst?“  – Weil Kinder das Großartigste und Beste sind, was es gibt. Das heißt aber nicht, dass man sich dafür komplett aufgeben muss und den ganzen Tag nichts anderes mehr machen will.

Glückliche Eltern = Glückliche Kinder

Was viele dieser schlechte-Gewissen-Macher vergessen: glückliche Eltern = glückliche Kinder. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer erklärt in seinem Buch, dass man Forschungsergebnisse zum Thema Fremdbetreuung folgendermaßen zusammenfassen kann:

  • Kinder, die den ganzen Tag von zufriedenen Eltern betreut werden, sind die zufriedensten Kinder.
  • Kinder, die den ganzen Tag fremdbetreut werden und zufriedene (berufstätige) Eltern haben, sind die zweit-zufriedensten Kinder.
  • Kinder, die den ganzen Tag von unzufriedenen Eltern betreut werden (weil sie unglücklich sind, weil ihnen langweilig ist, weil sie Vollzeit arbeiten wollen…), sind die unzufriedensten Kinder.

Klingt logisch! Ich bin glücklich, wenn ich Vollzeit arbeite und die Zeit nach der Arbeit mit meinem Sohn verbringen kann. Unser Sohn geht gerne in die Kita und er freut sich, dass ihn abends eine zufriedene Mama oder ein zufriedener Papa abholt. Es gibt keinen Grund ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn alle glücklich sind!

3. Das Leben ist vorbei, wenn man Kinder hat

Viele Eltern denken, sie können vieles nicht mehr machen, sobald sie Kinder haben. Natürlich ist man nicht mehr so frei wie vorher. Das heißt aber nicht, dass man sich zuhause verbarrikadieren muss, damit das Kind ja eine Routine erfährt, nicht in die Kita muss, einen strukturierten Tagesablauf hat und so viel Zeit wie möglich mit den Eltern verbringt. Ich kenne Leute, die haben ihr komplettes Leben nach ihren Kindern ausgerichtet. Die habe ich nicht mehr gesehen, seitdem sie Eltern sind.

Bevor unser Sohn geboren war, hatte ich viele Interessen und mein Tag war gefüllt mit Tätigkeiten. Wieso sollten sich diese Interessen denn plötzlich geändert haben? Wieso sollte ich auf einmal kein Interesse mehr an einem herausfordernden Job, Sport, Philosophie, Literatur und meinen Freunden haben? Es ist schon schlimm genug, dass andere Leute eine Frau nach der Geburt nur noch als Mutter und nicht mehr als Philosophin, Surferin oder interessante Gesprächspartnerin wahrnehmen. Als ob ich über Nacht meine ganzen Interessen, Kompetenzen und Eigenschaften verloren hätte.

Keine Partys mehr?

Bevor unser Sohn zur Welt gekommen ist, sind wir auf Partys, Konzerte und Musikfestivals gegangen. Muss das jetzt aufhören? Natürlich nicht. Die Eltern können sich aufteilen und abwechselnd auf das Kind aufpassen. Die Großeltern können auch mit einbezogen werden. Unsere Eltern freuen sich sehr, dass sie von Anfang an eine enge Verbindung zur ihrem Enkel haben durften und wir ihnen so viel Vertrauen schenken. Auch eine Partnerschaft wird es aushalten, wenn man zwei Mal im Jahr getrennt aufs Highfield oder zu Rock am Ring fährt. Was wäre denn die Alternative? Dass beide Elternteile komplett darauf verzichten?

Nie wieder surfen?

Mit Kind in Frankreich

Wir lieben das Meer und Zelten und ich bin begeisterte Surferin. Müssen wir jetzt auf einem Kinderbauernhof in Niederbayern Urlaub machen? Sollen wir so verbittert werden wie diese Dame? Ich glaube nicht. Als unser Sohn vier Monate alt war, sind wir mit ihm das erste Mal zum Zelten (und Surfen 😎) nach Frankreich gefahren – und es war super! Leider hatten wir nicht die Möglichkeit während der Elternzeit mehrere Monate zu verreisen, so wie es viele andere Eltern machen. Was gibt es besseres als einen mehrmonatigen Urlaub in der Elternzeit?! Wann wird man denn noch mal die Möglichkeit haben, so lange am Stück Urlaub zu bekommen?

In Teilzeit arbeiten?

Muss jetzt ein Elternteil in Teilzeit arbeiten? Ich denke nicht. Man muss sich nur gut organisieren. Wenn beide Eltern 35 Stunden pro Woche arbeiten, dann ist das ein gutes Mittelmaß für alle Beteiligten. Ich bin sowieso für die Einführung einer 35-Stunden Woche, aber das ist ein anderes Thema 😉. Dadurch, dass wir im Wechselmodell leben (unser Sohn ist eine Woche bei mir und eine Woche beim Papa), hat jeder Elternteil eine Woche, in der sie/er arbeitstechnisch flexibel ist. Wir nutzen diese Woche um Überstunden aufzubauen oder Dienstreisen zu tätigen. Dieses Modell kann man auch auf eine Partnerschaft übertragen, in der beide Eltern zusammen sind. Durch dieses klare Modell, hat man einen festen Plan, was die Arbeitszeiten und Kitazeiten angeht und kann sich seine Zeit dementsprechend einteilen.

Fazit

Was folgt? Es ist normal, dass man sich langweilt. Einem Kind wird es nicht schaden, wenn es mal YouTube Videos guckt. Es wird nicht traumatisiert sein, wenn es ganztags in die Kita geht, weil es abends von glücklichen Eltern abgeholt wird. Das Leben ist auch nicht vorbei. Man muss sich eben anders organisieren und davon Abstand nehmen, dass die Mutter Hauptbezugsperson ist. Jedes Kind freut sich, wenn es eine intensive Beziehung zu beiden Elternteilen hat. Auch eine Partnerschaft wird es aushalten, wenn man nicht jedes Wochenende zusammen als Familie etwas unternimmt, sondern jeder weiterhin seine eigenen Freiheiten hat. Wenn man andere Bezugspersonen, wie zum Beispiel die Großeltern oder Freunde mit einbezieht, kann jeder weiterhin seinen Interessen nachgehen. Es lohnt sich jedenfalls nicht, ein schlechtes Gewissen zu haben. Jedes Kind freut sich, glückliche und zufriedene Eltern zu haben, die auch ihr eigenes Leben leben.

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