Das Wechselmodell – was bringt die richterliche Anordnung?

Das Wechselmodell hat Einzug in die Rechtsprechung gefunden. Der Bundesgerichtshof hat entschiedendass Familiengerichte das Wechselmodell bei der Trennung der Eltern anordnen können. Voraussetzung ist, dass das Verhältnis der Eltern nicht komplett „konfliktbehaftet“ ist. Außerdem muss eine „bestehende Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft“ vorliegen. So weit so gut.

Die Frage

Ist es aber nicht so, dass Eltern vor einem Gericht stehen, weil eben keine Kooperations- und Kommunikationsbereitschaft besteht? Ein Familiengericht muss genau deswegen eine Einigung herbeiführen, weil das Verhältnis der Eltern so konfliktbehaftet ist, dass sie sich nicht freiwillig einigen können. Die Bedingungen für die richterliche Anordnung schließen somit schon a priori aus, dass es jemals angeordnet werden kann.
Sollte es der Richter dennoch anordnen, kann man sich fragen, wie viel es bringt, wenn dieses Modell „erzwungen“ wird. Denn bei einem Wechselmodell gibt es mehr zu organisieren und abzusprechen als bei dem klassischen Residenzmodell, bei dem das Kind den Vater nur am Wochenende „besucht“. Es stellt sich also die Frage, ob die konkrete Umsetzung des Wechselmodells nicht zum Scheitern verurteilt ist, wenn es erzwungen wird.

Konkrete Umsetzung

Als wir uns damals mit dem Wechselmodell beschäftigt haben, haben wir festgestellt, dass es kaum konkrete Vorschläge gibt, wie man sich am besten organisiert. Wir wollten zum Beispiel nicht, dass unser Sohn das Gefühl hat in zwei Welten zu wohnen. Außerdem mussten wir überlegen wie wir die Wohnsituation, die finanzielle Situation und die Kita organisieren. Solche Angelegenheiten sind wichtige Bestandteile eines funktionierenden Wechselmodells und können von einem Gericht nicht beantwortet werden. Ich finde es gut, dass das Wechselmodell eine institutionelle Anerkennung bekommen hat. Aber diese konkreten Fragen können nur zufriedenstellend beantwortet werden, wenn sich die Eltern vertrauen und respektieren.

Als wir uns damals getrennt haben und jeder seine eigene Wohnung hatte, hat sich das Verhältnis zwischen dem Papa und mir so entspannt, dass wir die meisten Angelegenheiten bezüglich des Umgangs mit unserem Sohn entspannt entscheiden konnten. Ich habe dem Papa allerdings auch von Anfang an vertraut. Denn erstens ist nicht gesagt, dass nur Mütter genau wissen, was ihr Kind braucht. Zweitens gibt es genug Mütter, die ihrem Kind nicht gerade die beste Erziehung geben. Drittens gibt es keine Gründe, warum der Papa sich nicht genauso gut – oder besser – um das Kind kümmern kann wie die Mama.

Doch warum funktioniert die freiwillige Einigung auf das Wechselmodell oft nicht, selbst wenn der Vater das gerne möchte?

Der Streit

Wenn der Vater sich zutraut eine Woche lang die Verantwortung für das Kind zu übernehmen, warum wird ihm dann nicht vertraut? Oft wird ihm gar nicht erst die Chance gegeben sich als guter Vater zu beweisen.

Einige Mütter sagen jetzt vielleicht: „Mein Ex-Partner ist so verantwortungslos und macht dieses und jenes: er trinkt Bier, lädt seine lauten Fussballkumpels ein und ernährt sich total ungesund.“ Diese Mütter sollten mal überlegen, ob sie immer so perfekt sind. Außerdem ist die Frage, ob das eine etwas mit dem anderen zu tun hat. Denn selbst wenn das Kind beim Papa eine Woche lang nur Schnitzel, Pommes und Nutella isst und dafür aber ein tolles Verhältnis zu seinem Vater hat, wie schlimm sind dann Schnitzel und Pommes wirklich?

Klar, es gibt verantwortungslose Väter. Es gibt welche, die ein Alkoholproblem haben, arbeitslos oder noch viel zu jung sind. Aber wie viele der Väter, denen das Wechselmodell vorenthalten wird, fallen wirklich in diese Kategorie?

Mütter, die nicht loslassen können

Ich glaube, es kommt oft zum Streit in Bezug auf das Umgangs- und Sorgerecht, weil Mütter nicht loslassen können. Viele Mütter wollen das Kind nach der Trennung nur für sich haben. Vielleicht geht es auch um Kontrolle und Verlustängste. Oder es ist die Idee, dass die Mutter – und nur sie – am besten weiß, was für das Kind gut ist. Vielleicht wissen viele Mütter auch nicht, was sie mit der Zeit anfangen sollen, wenn ihr Kind beim Papa ist.

Dabei kann man in der freien Zeit so viele tolle Sachen machen:

– Endlich mal ins Fitnessstudio gehen und den Babyspeck wegtrainieren

– Sich mit denjenigen Freunden treffen, die man seit der Geburt des Kindes nicht mehr gesehen hat

Stricken, Nähen, Häkeln ist momentan das Ding

– In das Szene-Restaurant gehen, in dem Kinder nicht so hinpassen

  Vorschlag

Wer das Beste für sein Kind will, sollte den Papa mit einbeziehen und zwar nicht, weil es ein Gericht anordnet, sondern weil man sich als Eltern respektiert. Vätern, die sich gerne zur Hälfte um ihr Kind kümmern wollen, sollte das nötige Vertrauen geschenkt werden. Auch sie setzen das Wohl des Kindes an erste Stelle. So manches Kind, das nur bei der Mutter aufwächst, hätte es möglicherweise besser, wenn der Vater eine größere Rolle spielen würde.

2 Kommentare

  1. Hallo! Wir leben auch im Wechselmodell, so bin ich auf deinen Blog gestoßen. Bei uns war es so, dass wir uns auch nach der Trennung nicht gut verstanden haben. Aber auch das war nicht das Problem: Kontakt per Mail, Übergaben „kalt“ über die Kita… Das geht schon.
    Was ich allerdings schwierig finde, sind Fälle, in denen die Mutter beruflich zurückgesteckt hat, evtl nur halbtags ind nicht existenzsichernd arbeitet, und der Vollzeitplus-Papa kommt nach der Trennung ganz plötzlich auf die Idee, dass er sich um das Kind kümmern will. Da schwingt oft so ein Unterhaltsvermeidungsverdacht mit, und ich verstehe durchaus, dass es da Gegenwehr gibt. Wenn man sich innerhalb der Beziehung auf eine Arbeitsteilung geeinigt hat, und ganz plötzlich soll alles anders sein und man muss sich zackzack einen neuen Job suchen und das Kind loslassen, um das man sich vorher quasi alleine gekümmert hat… Aber ich spekuliere darauf, dass in solchen Fällen das Wechselmodell nicht angeordnet wird.

    1. Sandra sagt: Antworten

      Das ist ein echt spannender Punkt. Ich hatte zum Glück nie das Gefühl, dass der Papa sich um den Unterhalt drücken will. Mein Beitrag ging aber auch davon aus, dass beide Eltern Vollzeit arbeiten wollen und können. Direkt nach unserer Trennung wollte der Papa auch schon eine 50/50 Aufteilung; damals war unser Sohn 2 Jahre alt und ich habe noch studiert. Also haben wir uns erstmal auf 70/30 geeinigt und ein Jahr später – als ich mit Arbeiten angefangen habe – mit 50/50 angefangen.

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