Darf ich krankfeiern?

Arbeit oder Freizeit?

Die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit verschwimmen immer mehr. Wir machen immer mehr unbezahlte Überstunden und sind am Wochenende und im Urlaub verfügbar. Wir vernetzen uns auf Xing, Facebook und Instagram mit unserem Arbeitgeber und treffen uns mit Kollegen zum Fußballspielen oder Yoga. Das sogenannte Employer Branding zielt einzig und alleine darauf ab, dass sich der Mitarbeiter mit dem Unternehmen als Marke so weit wie möglich identifiziert und ein Teil dieser Marke wird. Von heutigen Arbeitnehmern wird oft mehr erwartet als vertraglich festgehalten ist. Vor allem in Start-Ups akkumulieren sich diese Punkte häufig. Wenn man dann noch ungerecht behandelt wird, zum Beispiel in Form von Mobbing, Sexismus oder fehlender Anerkennung, dann kann man sich fragen: Was kann ich dagegen tun?

Hausfrau oder neuer Job?

Klar, ich kann einen neuen Job finden, in dem es klare Grenzen zwischen Freizeit und Beruf gibt und in dem es fair zu geht. Außerdem kann ich einer Gewerkschaft beitreten und für mehr Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt kämpfen. Ich kann auch resignieren und Hausfrau werden. In einem Artikel von Edition F schreibt die Autorin, dass sie versteht, wenn Frauen angesichts einer Aussichtslosigkeit aufgeben und sich aus der Berufswelt  verabschieden: „Es wäre schon schön, wenn man keinen Vertrag hat, der nur sechs Monate geht, von seinem Gehalt Kost, Logis und mehr als den „Luxus“ eines täglichen Coffe-to-go bezahlen kann und die Unternehmenskultur es nicht verbietet, vor 22 Uhr nach Hause zu gehen, wenn man im Beruf irgendwann noch mal aufsteigen will.“

Welche anderen Möglichkeiten gibt es?

Diese Optionen scheinen nicht besonders aussichtsvoll zu sein. Hausfrau sein? Nein danke! Ein neuer Job? Woher soll ich wissen, ob es in einem neuen Unternehmen tatsächlich anders zugeht?
Der Eintritt in eine Gewerkschaft ist die sinnvollste Option. Dies kann langfristig einiges bewirken und ist ein sinnvolles Instrument für mehr Gerechtigkeit auf dem Arbeitsmarkt. Allerdings ist auch nicht sicher, dass in einer Gewerkschaft genau meine Interessen vertreten werden. An meiner jetzigen individuellen Situation wird sich durch den Eintritt in eine Gewerkschaft jedoch erst einmal nichts ändern. Was kann ich also noch tun?

Eine Krankheit genießen

Es gibt die Idee, dass man eine Krankheit, die einen an das Bett bindet, genießen sollte. In dem Artikel: „Work and illness under neoliberal capitalism: how to use your virus as a weapon of refusal“ beschreibt Peter Fleming, wie eine echte Krankheit, zum Beispiel eine Grippe, als eine Art Urlaub von dem Druck der Arbeitswelt gesehen werden sollte. Krank zu sein und zu Hause zu bleiben, sei einer der wenigen legitimen Gründe mal nichts zu tun und zu entspannen. Der Autor entwickelt eine marxistische, und an Foucault anlehnende Kritik unserer Wirtschafts- und Arbeitswelt. Diese Kritik ist sehr spannend, allerdings finde ich es sehr zynisch, eine Krankheit als Ausweg zu wählen. In diesem Zusammenhang hat man die Wahl zwischen zwei Übeln: entweder die fiese Krankheit oder der Wahn der Arbeitswelt. Wenn man jetzt auch noch zu den Menschen gehört, die selten krank sind, dann bringt einem dieser Ausweg erst einmal nicht weiter.

Das Krankfeiern

Wie wäre es also, wenn man sich einfach krankschreiben lässt, obwohl man gar nicht krank ist? Eine Frau berichtet genau davon. Sie beschreibt, wie ihr jemand einen Arzt empfohlen hat, der sie ohne weitere Fragen krankschreibt und wie sie dann ihre freie Zeit genießt. Sie schreibt: „Meine Regel für das Krankfeiern ist: Nicht mehr als eine Woche im Jahr, quasi eine siebte Woche Urlaub. Ich finde das moderat.“

Aber darf man das?

Nein, man darf nicht krankfeiern

Wenn man sich krankschreiben lässt ohne krank zu sein, begeht man gleich mehrere unmoralische Taten.

1.  Man lügt den Arzt an.

1a. Man benutzt den Arzt als Mittel zum Zweck.

2.  Man nutzt die Autorität der Ärzte und den damit verbunden Status der Krankschreibungen aus.

Bei Punkt 1a. kann man einwerfen, dass die Verantwortung bei der Ärztin liegt. Wenn die Ärztin die Lüge nicht durchschaut und einen krankschreibt, dann ist man fein raus. Allerdings ist diese Erklärung zu einfach. Denn man kann erstens nicht erwarten, dass die Ärztin diese Lüge durchschaut und außerdem sind moralphilosophisch, zum Beispiel bei Immanuel Kant, Lügen aller Art nicht gerechtfertigt. Sobald man die Ärztin anlügt und somit die Position der Ärztin (Punkt 1a.) für seine eigenen egoistischen Mittel benutzt, verhält man sich unmoralisch. Es geht darum, dass man moralische Gesetze nicht einfach nach eigenem Willen subjektiv auslegen kann und dafür andere Personen benutzen kann. Denn wenn alle so handeln würden, müsste man selber oft die ganze Arbeit der Kollegen übernehmen und das will man schließlich auch nicht. Außerdem würde die Krankschreibung ihren „Wert“ als anerkanntes Dokument, welches rechtfertigt von der Arbeit fern zu bleiben, verlieren. Das bringt uns zu Punkt 2.

Das System der Krankschreibungen funktioniert, weil eine Krankschreibung einen gewissen Status hat. Diesem Dokument wird vertraut und man darf der Arbeit fernbleiben. Das Kranksein wird nicht per se angezweifelt. Man muss sich keine Sorgen machen, dass einem misstraut wird, wenn man wirklich krank ist. Wenn dieses System ausgenutzt wird, kann es dazu kommen, dass jeder kranke Arbeitnehmer erst einmal unter Generalverdacht gestellt wird. Für mich ist dieser Punkt das stärkste Argument gegen das Krankfeiern.

Darf man also nicht krankfeiern?

Doch, man darf krankfeiern

Ich denke – genau wie die Frau in dem Artikel – eine Woche Krankfeiern im Jahr ist gerechtfertigt. Selbst wenn das jeder macht, verliert die Krankschreibung nicht gleich ihren Legitimitäts-Status.

Um die Situation moralisch milder zu gestalten, kann man der Ärztin die Wahrheit sagen. Man kann sagen, dass man einfach mal eine Pause braucht und man wird sehen, ob sie einen trotzdem krankschreibt.

Als Arbeitnehmer ist man immer in der schwächeren Position. Jeder ist ersetzbar und fast jeder ist abhängig von dem Lohn, den er/sie bekommt.

Man kann das Krankfeiern als eine Form des Widerstands sehen. Die Piloten der insolventen Airline Air Berlin, zum Beispiel, nutzten diese Form des Protests, weil sie unzufrieden waren, wie die Verhandlungen vorangingen.

Es ist eine Art Protest, sich seine unbezahlten Überstunden wiederzuholen oder darauf aufmerksam zu machen, was man eigentlich leistet und wie viel Arbeit liegen bleibt, wenn man plötzlich krank ist. Es ist somit eine kleine Revolution. Denn wenn die Krankenquote in einem Unternehmen hoch ist, wird das auch bei der Geschäftsleitung ankommen. Sie wird daraufhin vielleicht mehr für die Zufriedenheit der Mitarbeiter tun und vielleicht schließlich auch die Arbeitsbedingungen ändern.

In diesem Sinne: Viva la Revolución 

1 Kommentar

  1. […] paar Gedanken zum Krankfeiern gibt es auf „auf einmal frei“. Was Ihr dazu denkt, könnt Ihr Euch dann selber […]

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